Mit MS auf Reisen
27.07.2016

Ab durch die Mitte – mit MS auf Reisen

Ich liebe es zu reisen. Schon immer. Egal ob ich auf einer Geschäftsreise bin oder Urlaub mache, ich mag es, in fremde Kulturen einzutauchen, neue Perspektiven zu entdecken und etwas dazuzulernen. Dabei war das gar nicht so einfach. Als ich 2005 meine Diagnose bekam, dachte ich, das Kapitel „Reisen“ wäre abgeschlossen. Allein der Gedanke, irgendwo unterwegs zu sein und nicht zu wissen, ob man Multiple Sklerose an meinem Reiseziel überhaupt behandeln kann, versetzte mich zunächst in Panik. Ich wurde hektisch bei dem Gedanken, was ich alles mitschleppen müsse, um zwei Wochen in der Fremde zu überleben. Um ganz ehrlich zu sein, ich hatte etwas den Überblick verloren und war in diesem Moment zu unerfahren, was das Leben mit MS betraf.

Heute reise ich entspannt. Über die Jahre habe ich registriert, was ich brauche und möchte, und mein eigenes Reisesystem entwickelt. Wer gut plant, kann unbeschwert unterwegs sein und entspannt bleiben.

Auf Reisebedürfnisse achten!

Wer zum Beispiel von Fatigue betroffen ist, sollte sich gut überlegen, ob eine Studienreise als Urlaub wirklich sinnvoll ist. Es macht also Sinn, die eigenen Wünsche und Bedürfnisse mit den Angeboten zu vergleichen. Viele Tourismusinformationen und Reisebüros können unterstützen, wenn es um barrierefreies Reisen geht. Besonders, wenn man mit dem Rollstuhl oder einer Gehhilfe unterwegs ist, sollte man sich genau erkundigen, wie „barrierefrei“ definiert und umgesetzt wird.

Wichtiger Faktor: Kommunikation!

Wenn ich auf Geschäftsreise bin, habe ich meist nur wenig Auswahl, aber es gibt einen Schlüssel, wichtige Dinge zu erreichen: Kommunikation. Viele Organisationsteams sind nicht auf Menschen wie mich eingestellt. Daher: Wer frühzeitig wichtige Punkte klar anspricht, kann mit Rücksicht und Entgegenkommen rechnen. Gerade wenn es um Hotelzimmer geht, ist mir das wichtig. Je näher am Tagungsort es liegt oder gar im Tagungshotel, desto mehr Möglichkeiten gibt es, eine Pause zu machen und lange Wege zu vermeiden.

Pausen einlegen und Zeit einplanen!

Bei längeren Reisen ist es hilfreich, Pausen oder Zwischenübernachtungen einzuplanen. Wenn man mit dem Auto unterwegs ist, sollte man die Reiseroute vor der Abreise überprüfen und auch darauf achten, dass genügend Rastplätze auf der Strecke sind. Ist ein Flug oder eine Reise mit der Bahn angesagt, achte ich darauf, dass ich genügend Vorlaufzeit habe. Besonders, wenn ich nicht genau weiß, wie weitläufig ein Flughafen ist oder wie viele Bahnsteige zu wechseln sind, hilft ein Zeitfenster sehr, um im eigenen Tempo von A nach B zu gelangen.

Assistenz benötigt? Services helfen!

Übrigens, Flughäfen und Bahnhöfe bieten sogenannte Mobilitätsservices an. Das sind speziell ausgebildete Mitarbeiter, die Menschen mit Handicaps sicher und bequem zu Abfluggates oder zum Zug bringen. Wichtig zu wissen ist, dass solche Services rechtzeitig bei den Fluggesellschaften oder der Bahngesellschaft angefordert werden müssen. Anfänglich mutet die Inanspruchnahme solcher Services vielleicht etwas seltsam an, aber diese kostenfreie Assistenz ermöglicht einen bequemen und vor allem kraftsparenden Transport zum richtigen Gate. Ein weiterer Kraftspartipp ist das Aufgeben des Gepäcks am Flughafen. Ich checke selbst kleine Koffer ein.

Wenn das Handgepäck zur Zweitwohnung wird …

Das Handgepäck ist mir wichtig, es ist meine Zweitwohnung auf Reisen. Darin befinden sich mein Smartphone, Reisedokumente und andere Papiere, die benötigt werden. Im Handgepäck sollten sich auch genügend Rationen der Medikamente befinden, die man regelmäßig einnimmt, hier gilt es, für mehrere Tage zu planen, falls das Gepäck verloren geht. Führt man Injektionen und Spritzenmaterial mit, hilft es, eine Bestätigung vom Arzt dabeizuhaben.

Der Wechsel in eine andere Zeitzone und Prophylaxen

Wer in einer anderen Zeitzone unterwegs ist, muss darauf achten, die Mehr- oder Minusstunden einzurechnen, wenn es um die Therapie geht. Reist man in ein Land, das eine Impfprophylaxe erfordert, gehört auch der Impfpass ins Gepäck. Sämtliche Impfungen und Maßnahmen zur Prophylaxe wie zum Beispiel gegen Malaria, sollte man mit dem Arzt vorab klären.

Was heißt MS in der Landessprache?

Immer im Gepäck ist bei mir eine Liste mit wichtigen Schlagwörtern rund um MS in der Landessprache. Gut zu wissen ist auch, ob MS im Reiseland vorkommt. Wir wissen, dass MS umso weniger verbreitet ist, je mehr man sich dem Äquator nähert, wenig verbreitet ist. Bei Reisen in Länder mit wenig MS-Vorkommen sollte man sich vorab über Behandlungsmöglichkeiten informieren und bei Bedarf mit dem eigenen Arzt Möglichkeiten erörtern.

Das Klima beachten!

Fährt man zum Beispiel in südliche Gefilde, ist es wichtig, sich auf das „Uhthoff-Syndrom“ einzustellen. Leichte Kleidung ist von Vorteil. Wer Hitze gar nicht verträgt, sollte sich auf jeden Fall mit Kühlmanschetten oder einer Kühlweste ausstatten. Bin ich zu einer Tagung unterwegs, frage ich vorab an, wie die Tagungsräume klimatisiert sind. Oft ist der Zwiebellook nützlich: Er hilft je nach Klimatisierung, sich etwas wärmer oder auch luftiger zu kleiden.

Über die Jahre habe ich gelernt: Reisen mit MS ist kein Problem, wenn man genügend Zeit einplant und sich im Vorfeld gut organisiert. Dann werden Urlaubstage unbeschwert und geschäftliche Termine zu angenehmen Erlebnissen.

Allen eine gute Reise, schöne und erfolgreiche Tage und spannende Begegnungen, wo immer Sie auch sind!

Ihre Birgit Bauer